Digitale Souveränität beginnt im Kopf: Warum wir AI Literacy brauchen

ein Artikel von Sanja Cancar

Geopolitische Spannungen und die dominante Stellung außereuropäischer Big-Tech-Akteure befeuern die Debatte um digitale Souveränität, Cloud-Abhängigkeiten und DSGVO-Compliance. Der Ruf nach europäischen Alternativen wird lauter – und das aus gutem Grund. Gutachten zeigen, dass US-Behörden weitreichende Zugriffe auf europäische Cloud-Daten haben, während Vorreiter wie das Land Schleswig-Holstein durch den Wechsel auf Open Source jährlich 15 Millionen Euro an Lizenzkosten einsparen.

Österreichische Beispiele

Österreich stärkt seine Souveränität durch ein nationales Maßnahmenpaket: den Aufbau souveräner Cloud-Infrastruktur, gemeinsame KI-Services und IT-Konsolidierung in der Verwaltung.

In Wien entsteht der FIWARE iHub als Open-Source-Innovationszentrum, das mit internationalen Partnern digitale Resilienz fördert.​

Auch in der Verwaltung zeigen sich konkrete Fortschritte: Das Bundesministerium für Wirtschaft, Energie und Tourismus (BMWET) hat erfolgreich seine 1.200 Mitarbeitenden auf die europäische Kollaborationsplattform Nextcloud migriert. Dazu hat das Bundesheer Microsoft Office ausgemustert und setzt nun auf Libreoffice.

Weitere Schwerpunkte sind digitale Identitäten, sichere Behördenkommunikation und Förderung europäischer KI-Infrastrukturen. Denn offene Plattformstandards und weniger Abhängigkeiten senken nicht nur die Verwaltungskosten, sondern auch die Risiken.

 

Paradox der Abhängigkeit

Doch wir müssen ehrlich sein: Digitale Souveränität beginnt nicht im Rechenzentrum. Sie beginnt in den Köpfen der Entscheider:innen. Oft wird versucht, Souveränität durch technische Zukäufe zu lösen. Aber wie das Beispiel von SAPs OpenAI-Deal zeigt, kann die bloße Integration von US-KI in europäische Verwaltungssysteme das Gegenteil von Souveränität bewirken. Frank Karlitschek, Gründer von Nextcloud, betont zurecht: “Digitale Abhängigkeiten bremsen massiv unsere Innovationskraft.”

 

Wer nur konsumiert, was andere kontrollieren, verliert die Gestaltungsmacht. Echte Souveränität erfordert ein Bewusstsein dafür, dass KI kein neutrales Werkzeug ist, sondern ein System, in dem Technik und soziale Verantwortung untrennbar verwoben sind.

 

Diese fehlende Auseinandersetzung mit KI hat nicht nur wirtschaftliche Folgen. Eine aktuelle Forschung der Universität Wien zeigt: Wenn Menschen KI primär als „Jobkiller“ wahrnehmen, sinkt ihr Vertrauen in demokratische Institutionen und ihre Bereitschaft zur politischen Teilhabe. Mit anderen Worten: Fehlende AI Literacy gefährdet nicht nur Innovationsfähigkeit – sondern auch demokratische Stabilität.

 

AI Literacy als strategischer Schlüssel

Für uns bei PaiperOne ist klar: Digitale Souveränität braucht AI Literacy. Das ist weit mehr als nur ein „KI-Kurs“: es ist die Fähigkeit, diese Technologie zu entzaubern, um sie führen zu können. Ich unterteile AI Literacy für verantwortungsvolle Entscheider:innen in drei Säulen:

AI Literacy 3 Elemente
  1. Verstehen (Die technische Basis): Zu begreifen, dass ein Modell nichts „weiß“, sondern Wahrscheinlichkeiten berechnet. Nur wer die Grenzen der Technik kennt, kann ihre Risiken managen.
  2. Reflektieren (Die ethische Sensibilität): Kritisch zu hinterfragen, wie KI unsere Wahrnehmung und Entscheidungen beeinflusst. Welche Inhalte werden uns gezeigt – und welche bleiben unsichtbar?
  3. Gestalten (Die operative Umsetzung): KI so einzusetzen, dass sie unsere europäischen Werte – Transparenz, Bildung und Rechtskonformität – stärkt, statt sie zu untergraben.

 

Fazit: Vertrauen entsteht durch Verstehen

Souveränität ist kein Zustand, den man kauft, sondern eine Kompetenz, die man aufbaut. Wenn wir begreifen, was KI kann und was sie explizit nicht kann, behalten wir die Kontrolle. Wer KI versteht, kann Verantwortung übernehmen und sie als sicheren Gestaltungsraum nutzen.

 

AI Literacy ist kein Nice-to-have, sondern eine demokratische Schlüsselkompetenz.

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